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Friedrich Dürrenmatt. Gezeichnete Satire

 

 

 

„Meine Zeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen”, schrieb 1978 der Schweizer Autor Friedrich Dürrenmatt (1921-1990). Doch anders als seine Theaterstücke, die wie „Es steht geschrieben“ (1947), „Der Besuch der alten Dame“ (1955) und „Die Physiker“ (1962) in über vierzig Sprachen übersetzt wurden, ist sein grafisches Werk noch immer weitgehend unbekannt. Grund genug für das Museum Tomi Ungerer – Internationales Zentrum für Illustration erstmals in Frankreich rund 100 Originalzeichnungen des Autors vorzustellen. Es handelt sich um großzügige Leihgaben des Centre Dürrenmatt Neuchâtel und aus den Schweizer Privatsammlungen Liechti und Bloch.

Tomi Ungerer und Friedrich Dürrenmatt betrachteten die Gesellschaft ihrer Zeit durch die gleiche kritische Brille. Der Schweizer Autor schrieb sogar das Vorwort für Ungerers Satireband „Babylon“, erschienen 1979 im Diogenes Verlag Zürich, der die Werke beider Künstler verlegt. Auch für Friedrich Dürrenmatt war die Satirezeichnung das bevorzugte bildnerische Ausdrucksmittel, seine Blätter weisen expressionistische Züge auf und lassen den Einfluss von George Grosz, Daumier, Francisco de Goya und Saul Steinberg erkennen. Der Humanist Dürrenmatt interessierte sich für alle Themen; die wiederkehrenden Motive seiner vielgestaltigen Bilderwelten schöpfte er aus Bibel, Mythologie, Theologie und Kosmos sowie aus den Themen Leid und Tod. Genau wie in seinen Schriften hielt er seinen Zeitgenossen auch in seinen Zeichnungen den Spiegel vor und unterzog sie einer oft unbarmherzigen Kritik. Dass Dürrenmatt aber nicht nur mit scharfer Zunge und Feder agierte, sondern auch überaus liebevoll und zärtlich sein konnte, belegt das fantasievolle Album, das er in den 1950er Jahren für seine Kinder zeichnete.

Mit dem grafischen Werk von Friedrich Dürrenmatt korrespondieren in der Ausstellung Tomi Ungerers Zeichnungen für „Babylon“ aus der Sammlung des Straßburger Museums sowie das Comic „SUV“ des Genfer Künstlers Helge Reumann aus der Privatsammlung des Künstlers. Die apokalyptische Vision seiner Schwarzweiß-Zeichnungen weist viele Gemeinsamkeiten mit der Weltsicht des großen Schweizer Autors auf.

Die vom Museum Tomi Ungerer gestaltete Ausstellung wird im Rahmen der Veranstaltungen zum 100. Geburtstag von Friedrich Dürrenmatt in Partnerschaft mit dem Centre Dürrenmatt Neuchâtel und dem Generalkonsulat der Schweiz veranstaltet.

 

Kuratoren: Thérèse Willer, Leiterin des Museums Tomi Ungerer; wissenschaftliche Beratung: Peter André Bloch, emeritierter Professor an der Université de Haute-Alsace und Freund des Autors